Anne Erfle, "Berggasse
19"
Rede zur Ausstellungseröffnung in der Galerie
Marquardt, München, April 2000
Das Ausgangsmaterial zu Jess Walters Bildern
sind fotografische Vorlagen. Sie beleuchten einen bestimmten Themenkreis,
der ihn in mehrfacher Hinsicht interessiert. In erster Linie geht es um
Malerei, wie sie für ihn in der heutigen Zeit Sinn macht: es geht darum
mit malerischen Mitteln Phänomene offenzulegen
oder zuzudecken, durch Umsetzung in ein anderes Medium neue Sichtweisen
zu provozieren und mit Überlagerungen und Verschiebungen Zufälliges entstehen
zu lassen. Häufig taucht das Thema der Camouflage in seinen Arbeiten auf.
Das ergab sich in den früheren Werkgruppen bereits aus den Motiven. Sie
behandelten Menschen, die sich mit bestimmten Rollen identifizierten,
sich entsprechend inszenierten und sich auf diese Weise in ihre Umgebung
einpassten; das betrifft besonders Karl May im Bilderzyklus "Villa
Shatterhand" oder auch das Klischee vom Wilden Westen in der Serie
"Ohio 65".
In diesem Fall, "Berggasse 19",
sind die Personen abwesend. Und eigentlich doch präsent. Das Ausgangsfoto
für die beiden großen Gemälde zeigt die berühmte Couch von Sigmund Freud
in der Berggasse 19 in Wien, die als Geburtsstätte der modernen Psychoanalyse
gilt. Das Foto zeigt nicht nur die mit einem Perserteppich zugedeckte
Couch, sondern die inszenierte Umgebung, die zu analysieren sich ebenfalls
lohnt. Es gibt kaum einen freien Platz, Boden und Wand sind zugedeckt
mit gemusterten Teppichen und einem Sammelsurium dicht gehängter Bilder
jeglichen Formats, von Sesseln und Stühlen und ethnischen Figuren auf
dem Tisch. Diese Couch diente unzähligen Patienten als Stätte, an der
sie viele Stunden verbracht haben, um sich von traumatischen Problemen
zu befreien. Freud ließ sich die Träume erzählen, denn hier manifestierten
sich entstellte und verhüllte Mitteilungen eines latenten Inhalts, dessen
Symbolik mit der Anwendung einer Assoziationstechnik entschlüsselt werden
mußte.
"Ich werde den Nachweis erbringen",
schrieb Freud in seinem Buch Traumdeutung, "dass es eine psychologische
Technik gibt, welche gestattet, Träume zu deuten, und dass bei Anwendung
dieses Verfahrens jeder Traum sich als ein sinnvolles psychisches Gebilde
herausstellt, welches an angehbarer Stelle
in das seelische Treiben des Wachens einzureihen ist." Und Karl Kraus
sagt dazu in seiner zynischen und wohl auch heute noch gültiger Vorausschau:
"Ihm (Freud) gebührt das Verdienst, in die Anarchie des Traums eine
Verfassung eingeführt zu haben. Aber es geht darin zu wie in Österreich".
Bei der Traumanalyse findet ein Umwandlungsprozess statt, Spuren von Verdrängtem,
Verdecktem werden in eine andere Bewußtseinsebene
gerückt. Hier setzt Jess Walters Kunst an. Er will die Schichten zeigen,
die hinter der Oberfläche der vermeintlichen Realität liegen. In einem
Interview mit Willhelm Warning sagt Walter
dazu :"Es geht um die tiefere Schicht
der Erinnerung, die dieses allgemein Menschliche betrifft, das sich aus
etwas Spezifischem, das nur einem Menschen zugeordnet ist, loslöst".
Wie der Träumer bringt der Künstler seine Intention nicht in direkten
Bildern zum Ausdruck, sondern über die Mechanismen der Verschiebung, Verdichtung
und zufälliger Konstellationen in einer entstellten oder verdeckten Form
der Schichtung. Man kann das vergleichen mit dem Speichersystem unseres
Gehirns, in dem Eindrücke abgelegt werden,
ohne sichtbare Spuren zu hinterlassen. Freud berichtet in diesem Zusammenhang
von einem "Wunderblock" mit unbegrenzter Aufnahmefähigkeit,
einer Tafel, auf der man Notizen aufschreiben könne, die Dauerspuren hinterlassen.
Sie besteht aus zwei Schichten, einer oberen aus transparentem Material
und einer Wachsschicht darunter. Das Geschriebene ist solange lesbar,
solange die Schichten übereinanderliegen und
verschwindet, wenn die Zelluloidschicht vom Wachs abgezogen wird. Dann
ist sie wieder frei für Neues, während auf der Wachsschicht das Durchgedrückte
konserviert wird und die Spuren sich dort nach und nach verdichten. Das
Bild entspricht der Symbolik in Jess Walters künstlerischer Arbeit. Der
Betrachter muß sich die im Bild verdichteten, durchgedrückten Spuren
erschließen. Sie werden von malerisch ornamentalen Formen mit abwechselnd
glänzenden und matten Oberflächenstrukturen überlagert. Nach und nach
werden sie sich herauskristallisieren und sich zu einem bewegten Bild
fügen, das viele Fragen stellt. Abhängig von der Nähe oder der Distanz
des Betrachterstandpunkts wird es sich in der individuellen Wahrnehmung
unterschiedlich darstellen.
Bemerkungen zur Technik: Walter projiziert
das Bild in großem Format auf eine Linoleumplatte und schreibt die signifikanten
Linien und Muster in grobem Strich in das andere Medium ein. Bei der Umsetzung
über Hand und Werkzeug zerschneidet er das Motiv, löst es in fraktionierte
Lineaturen auf. Es folgen zwei verschiedene Malvorgänge. Zum einen wird
die Leinwand grundiert und farblich gestaltet, zum anderen färbt er mit
dem Pinsel die Druckplatte mit Ölfarbe und Lack ein. Das ermöglicht ihm,
die Farbintensität des Abdrucks mit Zwischentönen malerisch zu variieren,
opake und transparente, reflektierende und matte Flächen abwechseln zu
lassen. Dann wird das eingekerbte Motiv auf die Leinwand gedruckt. Den
gleichen Prozess wiederholt der Künstler ein weiteres Mal, mal mit leichter
Verschiebung, mal mit größerem Abstand. Im ersten Fall wird das Bild unscharf,
wie ein verwackeltes Foto, im zweiten bildet sich eine Verdopplung der
Motive. Das Bild wird durch die mehrschichtige Bearbeitung in Farbe und
Form verdichtet und zugleich verunklärt. Die ornamentalen Strukturen breiten sich wie
eine Camouflage über alle narrativen Objekte aus und lösen selbst die
Form der Couch auf. Nur jenes rätselhafte Gebilde sparen sie aus, das
wie eine personifizierte Büste am Kopfende der Couch zu schweben scheint
und bereits auf dem Foto als einziges Objekt neben den zusammengelegten
Wolldecken nicht mit Mustern übersäht ist. Vielleicht ein Zeichen von
äußerer Realität. Es sind Kopfkissen für die Patienten.
Gleichzeitig mit der Auflösung der Geschichte
im Bild tauchen verschiedene Fragenkomplexe auf, etwa nach der Wirklichkeit,
nach den Mitteln der Malerei, danach, was ein Bild ist. Die Überlagerungen
verweisen auf Mehrdeutiges, die formalen Unschärfen spiegeln die inhaltlichen
Verschiebungen. Es sind keine definitiven Einordnungen möglich. Wie im
Traum. Hierzu hat Freud erklärt, dass der Welt der äußeren Realität eine
Welt der inneren Wirklichkeit gegenübersteht, jene der Traumwelt, die
Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft vereint und die Ursprung alles Schöpferischen
ist. Er hat diese innere Welt ins Bewußtsein
aller Menschen gebracht, von der vorher nur die Dichter und Philosophen
eine Ahnung hatten und seit geraumer Zeit auch die Maler.
Anne Erfle
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