Jess Walter • Malerei

 

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Wilhelm Warning im Gespräch mit Jess Walter (11.8.1997)

W. W.:

Den Bildern liegen Fotos, Schnappschüsse zu Grunde. Aus dieser Verbindung zwischen Fotografie und Malerei ergibt sich ein eigentümlicher Reiz. Denn das private Foto hat dokumentarischen Wert, ist, gelesen in dem Kontext, in dem es einst eingefügt war, etwa dem Familienalbum, ein Beitrag lebendiger Erinnerung. Ein bestimmter Augenblick wird festgehalten und zu sehen ist ein ganz bestimmter Mensch, der gerade etwas ganz Bestimmtes erlebt, etwa Schützenkönig geworden ist. Ein Andenken aus dem Leben, das man lebt, wie John Berger das ausgedrückt hat. Nun wird durch das Transformieren des Fotos in das Tafelbild das Foto nicht nur aus seinem Zusammenhang herausgelöst und deshalb abstrahiert. Vielmehr hat sich die Malerei ja genau durch die Erfindung der Fotografie aus diesem Erinnerungskontext gelöst. Die Möglichkeit, über Fotos Lebensmomente für ein Später festzuhalten, hat den Weg in die Abstraktion der Malerei erst gebahnt. Seit dem 19. Jahrhundert war die Bildende Kunst aus dieser Aufgabe entlassen, bestimmte Augenblicke festzuhalten. Hier in den Bildern wird diese längst verklungen geglaubte Beziehung wieder aufgegriffen und auf eigentümliche Weise gespiegelt.

J.W.:

Ja. Im Prinzip wird das wieder zurückverwandelt. Eine Verwandlung alleine schon vom Medium Fotografie in Malerei beziehungsweise Linoldruck, wobei ich das nicht so genau definieren möchte, ob das Druckgrafik oder Malerei ist, das ist nebensächlich. Wichtig ist, dass ein handschriftlicher Aspekt dazukommt durch das Schneiden. Die Verwandlung geschieht aber noch auf andere Weise, denn das private Foto, das aus einem Album stammt, wird öffentlich gemacht,. auch und insbesondere durch das große Format. Das vergleichsweise kleine Foto wird ja in den Bildern extrem, bis fast auf Lebensgröße transponiert. Schließlich erklärt sich die Spannung auch daraus, dass die Bildsituationen teilweise aufgelöst und in Malerei verwandelt werden. Trotzdem sind sie noch präsent und erfahrbar. Diese Momente sind mir wichtig. Man hat im Betrachten der Bilder noch eine Erinnerung, woher sie stammen und trotzdem ist etwas ganz anderes entstanden. Außerdem wirken die Arbeiten wie Spiegel für den Betrachter schon durch ihr Format. Auch sind sie sehr körperhaft, durch den Farbauftrag und durch den Matt-Glanz Unterschiedbekommen sie eine sinnliche Oberfläche.

W.W.:

Sie benutzten das Wort „Spiegelung“. Ein Hinweis auf Fotografie. Dort wird durch Negativ-Positiv mehrfach gespiegelt, und das wiederholt sich noch einmal durch den Prozess des Linolschnitts- und Drucks. Im Grunde könnte man von einem Umklappen sprechen.

J.W.:

Das stimmt. Die Spiegelung ist sehr wichtig, auch die Spiegelung der Handschrift. Ich trage die Farbe mit Pinsel auf die Linolplatte auf und dann wird erst gedruckt. Also es ist etwas dazwischen. Dieses Dazwischen ist sehr wichtig: Da passiert Malerei und es geschehen bestimmte Sachen beim Arbeitsprozess. Dabei geht es mir nicht um den „expressiven Strich“ oder so etwas. Vielmehr bringe ich in alles eine gewisse Distanz. Das ist diese Spiegelung, die etwa durch das Medium Druck entsteht, und, wie gesagt, durch den Ausgangspunkt, das Medium Fotografie und die Transformation in Malerei bzw. Druckgrafik. Man könnte das mit Filtern vergleichen oder Zwischenstufen, die zwischen dem Ergebnis und dem Ursprung liegen. Und den kann man nicht genau festlegen, vielmehr machen diese Zwischenstufen ein Hin- und herchangieren möglich.

W.W.:

Eigentlich ein Paradoxon, ein genaue Ungenauigkeit. Ich erinnere an den Ausgangspunkt, das Foto. Denn dessen Bestimmung liegt ja genau im Gegenteil: Man spricht vom Schnappschuss, der sich gerade daraus definiert, dass der Augenblick mit seiner bestimmten, wiedererkennbaren Situation festgelegt wird. Ein Mann zeigt seinen Fang - „Königsfischer“, seine Schützenkette - „Schützenkönig“, sein neues Auto etc. Und jetzt die Veränderung, die Transformierung, die Spiegelung, die diese Genauigkeit nimmt, unscharf macht, und dadurch den Blick für etwas neues, anderes schärft.

J.W.:

Eine Verallgemeinerung findet statt. Das Einzelfoto wird zum Bild gemacht. Es muss eine gewisse Abstraktion stattfinden, wenn das Bild das Motiv tragen soll. Da spielen natürlich einerseits formale Fragen eine Rolle, die Probleme des bildnerischen Gestaltens wie Farbe, Oberflächenstruktur, Raumaufteilung und räumliche Tiefe. Zum anderen muss auch inhaltlich eine Abstraktion erfolgen, damit die ursprünglich spezielle Situation allgemeineren Charakter bekommt. Dadurch kann sich jeder in der Geschichte des Bildes wiederfinden. Die von mir ausgewählten Bilder zeigen ja auch austauschbare Situationen. Da zeigen Menschen etwas für die Kamera her. Sie präsentieren etwas. Das scheint ein Moment der Stärke, des Stolzes. Gleichzeitig ist es nur Oberfläche, gemacht für das Foto, man blickt nicht darunter. Es könnte auch etwas verborgen werden hinter dieser Pose. Diesen inhaltlichen Moment finde ich auch spannend. Die Motive sind in gewisser Weise uneindeutig, und das zeigt sich hier so sehr wie auf der formalen Ebene. Man kann die Arbeiten auch nicht genau zuordnen, etwa dem Begriff Druckgrafik oder Malerei, figurativer Malerei oder Abstraktion.

W.W.:

Sie entziehen sich der einfachen Einordnung. Das verschärft sich in den neueren Bildern noch. Manchmal sind die Motive nicht mehr sofort erkennbar, weil sie aufgelöst werden.

J.W.:

Während bei den Leinwandarbeiten das körperhaft Schwere wichtig ist, und es auf bestimmte Farbschichten und Übermalungen ankommt, ist bei Papier als Malgrund eher das Leichte wichtig, das ich stehen lassen kann, ohne dass das Bild an Wucht verliert. Hier kann ich das Prozesshafte zeigen, das Zerfallende, manchmal bekommen die Bilder etwas wie eine Aquarellstruktur durch das Übereinanderdrucken bestimmter Farben. Ich habe auch damit experimentiert, mehrmals mit derselben Platte zu drucken, aber leicht verschoben. Ich setzte das ganz bewusst ein, damit etwas wie eine Unschärfe noch einmal verstärkt wird, oder wie eine Doppelbelichtung. Womit wir wieder beim Foto wären. In manchen Arbeiten lote ich dann aus, wie weit ich gehen kann, bevor das Bild als Bild verschwindet. Manche sind so übereinander gedruckt, dass man nichts mehr erkennt.

W.W.:

Das ist ja auch ein Moment der Bewegung. Und damit ein neuerlicher Spannungsbogen zwischen den Polen Ruhe und Bewegung. Das Foto ist ja so etwas wie angehaltene Zeit. Die Menschen verharren auf den Bildern. Und hier, im Bild, erscheint die Situation plötzlich, wie Sie gerade sagten, als etwas Prozesshaftes, Zerfallendes.

J.W.:

Ja. Das ist auch so ein Widerspruch, der mir noch auf etwas Weiteres hinzudeuten scheint: die Schichten hinter dem Schein, den das Foto zeigt, hinter der Oberfläche, die gezeigt wird. Das Leben, das da abgebildet wird, ist viel tiefer, ist auch anders, als das Foto uns glauben machen will, hat viele Ebenen, in die es zerfällt. Diese Schichten sollen spürbar werden. Die Bewegung ist in diesem Sinn auch als Metapher zu verstehen für ein tieferes Begreifen der Figuren, mit denen so ein Dialog entstehen kann, vielleicht auch eine Identifikation. Damit eine Geschichte in Gang kommt, eine Geschichte, die hinter diesen Bildern liegt und die erzählt wird. Da sind wir wieder bei der Unbestimmtheit: ein Bild ist nicht plötzlich da, sondern es entsteht, geht weg, entsteht aufs Neue, geht wieder weg, entsteht wieder und so weiter. Auch das sind spürbare Schichten, die erzählt werden. In dem fünfjährigen Arbeitsprozess ist das immer wieder zur Sprache gekommen.

W.W.:

Geschichte ist umgekehrt immer verbunden mit Erinnerung an etwas, das geschehen ist oder gedacht, gefühlt, erlebt wurde. Im Laufe des Lebens nimmt das in dem Maß zu, wie verbleibende Lebenszeit abnimmt. Daraus entsteht Heimweh nach Verklungenem, Vergewisserung eigener Kindheit, Jugend, kurz: Nostalgie. Weiß du noch, damals. Auch das wird, scheint mir, in den Bildern spürbar. Ein Gefühl, das gleichzeitig durch den Abstraktionsvorgang aber auch zerstört wird.

J.W.:

Es geht um eine tiefere Schicht der Erinnerung, die dieses allgemein Menschliche betrifft, das sich aus etwas Spezifischem, das nur einen Menschen zugeordnet ist, loslöst. Deshalb darf das Motiv auch nicht sentimental werden. Das verhindert das Bildnerische, die Materialität der Malerei, die das Motiv auflöst. Ich möchte keine Sentimentalität, die sagt, „ach ja, damals...“. Es geht um eine gewisse Härte und eine körperhafte, wuchtige Präsenz, die mit Erinnerung zu tun hat und mit diesen Schichten, von denen wir sprachen. Deshalb spielt es auch keine Rolle, ob die Fotos zum Beispiel mit meinem Lebenskreis zu tun haben. Es könnten auch Bilder von Menschen sein, die ich nicht kenne. Denn der individuelle Bezug wird herausgenommen und es geht nicht mehr um Erkennbarkeit. Trotzdem sind die Bilder emotional aufgeladen, auch mit den Geschichten, die ich erlebt habe, ganz klar, und die ich auch erzählen will, aber immer gebrochen...

W.W.:

....also geht es um das Verhältnis von Distanz und Nähe...

J.W.:

...ja genau. Weil diese Erzählungen, diese inhaltlichen Ebenen, immer wieder abstrahiert werden müssen. Damit die Bilder nicht den Charakter eines billigen Expressionismus bekommen, oder, auf der anderen Seite, keine läppische Polarität konstruiert wird zwischen Malersubjekt und Foto. Das gibt es ja auch. Aber das finde ich langweilig. Eher schleicht sich das Subjektive in Verkleidung wieder ein, über eine Verschiebung, in Gestalt einer Verwandlung, wobei man kann diese Ebenen nicht genau definieren kann Die Bilder sind aufgeladen, aber das wird durch die Distanz gleichzeitig zurückgedrängt.

W.W.:

Auch hier zeigt sich, dass Sie sich nicht einordnen lassen, weder inhaltlich, noch stilistisch.

J.W.:

Ja. Ich würde sagen, die Einordnungen sind mir eher egal. Ich entziehe mich. Ich spiele auch ein bisschen damit, dass keine genaue Einordnungen möglich sind. Mir geht es darum, dass die Mittel der Malerei auch wieder in Frage gestellt werden durch die Erzählung, die Geschichte, durch die Fotografie, dass dieses handschriftlich Persönliche durch den distanzierten Ausgangspunkt in Frage gestellt wird, dass Konfrontationen entstehen. Wobei ich immer den Anspruch habe, ein Bild entstehen zu lassen. Ich meine ein durchaus klassisches Bild. Bei dem „Schützenkönig“ zum Beispiel die Rückbesinnung auf gewisse Heiligenbilder oder auch auf Königsportraits wie bei Velasquez oder Goya. Da weiß ich um die lange Tradition und es geht mir um ein klassisches Bild. Das ist das Ziel. Wobei es ungebrochen nicht geht.

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